Bürgerbeteiligung führt zu integriertem Entwicklungskonzept
In den Jahren 2009 und 2010 startete das mit Städtebaufördermitteln finanzierte Bürgerbeteiligungsprojekt „Mitten in Marktoberdorf“. Ziel war ein zukunftsweisendes Innenstadtkonzept vom Bahnhof bis zur Martinschule und von der Gschwenderstraße bis zur Kemptner Straße. Der Fokus lag auf Verkehrsberuhigung, der Reduzierung des Durchgangs-Kfz-Verkehrs und der Schaffung von Begegnungsflächen im öffentlichen Raum.

Logo der Projektwerkstatt 2009 / 2010 mit verschiedenen Beteiligungsformaten. Finanziert von der Städtebauförderung Bayern.
Bahnhofsstraße öffnet Zugang von Westen
Ein Kernstück war die Bahnhofstraße. Sie sollte sich von einer trennenden Verkehrsachse in eine einladende Erschließungsstraße verwandeln: mit hoher Durchlässigkeit für Fußgänger, einem Kreisverkehr zur Verkehrsberuhigung und einem barrierefreien „Shared Space“ vor dem Bahnhof. Bei maximal 20 km/h sollte ein attraktiver, gepflasterter Empfangsplatz für Reisende entstehen, ergänzt durch multifunktionale Mittelinseln, Radstreifen und breite mit Bäumen verschatteten Gehwegen.

Eine breite Mittelinsel in der nördliche Bahnhofstraße ermöglichte ein gutes Queren über die ganze Länge
Shared Space als zentrales Element
Die Planungen wurden baulich umgesetzt, doch der Shared-Space-Gedanke scheiterte an der Realität. Tempo 20 blieb eine Utopie. Stattdessen dominierte Tempo 50. Die Folge: massiver Lärm auf dem Pflaster, der nachträglich erfolglos mit Gummifugen bekämpft wurde. Die hohe Geschwindigkeit führte zu gefährlichen Situationen für Sehbehinderte und Radfahrende, da Fahrbahnbegrenzungen fehlten. Nachträglich aufgebrachte Rillen und weiße Markierungen machten das Scheitern des Shared Space bereits optisch sichtbar.

Pflaster vorm Bahnhof sollte SharedSpace zeigen. Aktuell durch Baustellenmarkierung optisch zerteilt.
Nun, 15 Jahre später, wird die Idee einer durchlässigen Bahnhofstraße endgültig begraben. Bei der Sanierung des kaputten Pflasters stehen Tempo und Fahrkomfort für den Kfz-Verkehr im Vordergrund. Das Pflaster weicht Asphalt, um den Lärm bei weiterhin hohen Geschwindigkeiten zu senken.
Geschwindigkeitsbegrenzung nur ein Lippenbekenntnis?
Dabei rühmte sich Marktoberdorf jüngst, als eine der ersten Kommunen der deutschlandweiten Initiative „Lebenswerte Städte durch angemessene Geschwindigkeiten“ (Tempo-30-Initiative des Deutschen Städtetags) beigetreten zu sein. Per Stadtratsbeschluss forderte man das Recht, eigenständig Tempo 30 anzuordnen. In der Bahnhofstraße – einer Ortsstraße – hätte die Stadt dies ohnehin jederzeit tun können. Die StVO-Novellen erleichtern solche Schritte aus Gründen des Lärm- und Städtebauschutzes zusätzlich.
Stattdessen verschwinden nun der Shared Space und die Mittelinseln. (Bericht im Kreisboten dazu) Eine neue Bedarfsampel an der Bahnhofsunterführung soll den Fußverkehr kanalisieren. Das Problem: Ampeln beschleunigen den Kfz-Verkehr, da Autofahrer bei Grün erfahrungsgemäß beschleunigen. Fußgänger wiederum werden ausgebremst und zu Umwegen gezwungen.
Auch im restlichen verkehrsberuhigten Geschäftsbereich (Tempo 20) zeigt sich kein Fortschritt. Da Kontrollen und Sanktionen fehlen, wird das Tempolimit ignoriert. Geplante Einbahnstraßen zur Verkehrslenkung wurden nie realisiert. Autofahrer nutzen die Innenstadt weiterhin als Durchgangsstrecke, um die ungeliebte Rauhkreuzung zu umgehen.
Aktuell gipfelt dieser Ausweichverkehr aufgrund der Baustelle in der Bahnhofstraße in völlig überlasteten Tempo-20-Zonen. Statt Autos über klare Beschilderungen auf der offiziellen Umleitungsroute (Gschwenderstraße – Meichelbeckstraße) zu halten, rollt der Verkehr ungehindert über die Jahnstraße – die eigentliche Umleitungsstrecke für den Rad- und Schülerverkehr. Die Folgen sind gefährliche Ausweichmanöver, zu hohe Geschwindigkeiten und das Befahren von Gehwegen. Dieser enorme Verkehr vergrämt die Kundschaft der Cafés und Geschäfte, da die Aufenthaltsqualität durch Lärm und Abgase zerstört wird. Die Stadt schaut tatenlos zu.
Unsere Forderung:
Wir fordern die Stadt auf, die damals mit hoher Bürgerbeteiligung und Fördersummen entwickelten Pläne für die Innenstadt wiederzubeleben und an die heutigen Anforderungen anzupassen. Marktoberdorf benötigt ein ganzheitliches, zukunftsfähiges Konzept für eine lebenswerte Innenstadt – mit wirksamem Lärm- und Hitzeschutz, durchgängiger Verkehrsberuhigung, sicheren Schulwegen, beschatteten Aufenthaltsräumen und entsiegelten Sickerflächen.

ISEK Integriertes Städtebauliches Entwicklungskonzept (2011 / 2012)entwickelt auf Basis von Bürgerbeteiligungsprojekt Mitten in Marktoberdorf (2009 / 2010) Quelle: https://www.schirmer-stadtplanung.de/projekte/marktoberdorf/
Anschluss weiterer Stadteile an die Innenstadt um Durchgängigkeit für Fuß- und Radverkehr zu schaffen

Der für die Zeit der Umleitungen aufgebrachte Zebrastreifen sollte als Anschluss des Stadtsüdens und der Buchel an die Innenstadt verstetigt werden.
Neue Wege erschließen
Auch jenseits des Bahnhofs in der Johann-Georg-Fendt-Straße gibt es einen gültigen Bebauungsplan aus 2011, der das ISEK sehr gut ergänzt hätte. Was aus dem Plan grünen Achse entlang der Bahnstrecke und mit eigenem Fuß- und Radweg abseits der Straße geworden ist, kann man sich in der neu gebauten Johann-Georg-Fendt-Straße und auf dem überbauten „Föllgelände“ anschauen: Statt Bäumen und Grünflächen findet man Schilderwald und Teerwüste. Schade für diese vertanen Chancen.